Nach den Spannungen im Gefälle der Länder zwischen Nord und Süd sind spätestens seit der Zäsur des 11.09.01 die Konflikte zwischen West und Ost, genauer: zwischen Christentum und Islam im Blickpunkt der Weltgeschichte. Was neuerdings als Beginn des „Kampfes der Kulturen“ gesehen wird, hat jedenfalls – so urteilen beide Seiten – mit dem Mangel an Dialog zwischen den Kulturen und Religionen zu tun.
Die Ausstellung versucht mit den Werken von vier unterschiedlich arbeitenden Künstlern paradigmatisch solche Positionen kultureller und religiöser Identität auszuloten. Von den an der Ausstellung teilnehmenden Künstlern kommen drei aus islamischen Herkunftsländern: die in München lebende Iman Mahmud aus dem Irak, die in Berlin lebende Nezaket Ekici aus der Türkei und Saam Schlamminger, der in Istanbul geboren, im Iran aufgewachsen ist und nun in München lebt. Alle drei arbeiten im Geflecht höchst unterschiedlicher islamischer und westlicher Bilder- und Symbolwelten. Der Münchner Künstler Karl Weibl, der sich in seinem Werk lange mit der Geschichte Mesopotamiens auseinandergesetzt hat, hat einen neuen Zyklus erarbeitet, in welchem Photographien der archäologischen Reste des Iraks als Symbol einer vergangenen Hochkultur westlichen Texten aus der Aufklärung gegenübergestellt werden.

Nezaket Ekici, "Schleierkampf"
„Die Ringe der Künstler“, Pasinger Fabrik
Eröffnungsrede von Dr. Elmar Zorn am 6. April 2006
Der These eines führenden zeitgenössischen deutschen Schriftstellers und Dramatikers, Botho Strauss, „Der Konflikt ist nicht zu lösen“, ( gemeint ist der geistige Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen ) stellen wir mit dieser kleinen Ausstellung die These entgegen: Der Konflikt ist lösbar. Zwar nicht hauptsächlich durch den viel genannten „Dialog der Kulturen“, der auch heute wieder in einer Presseverlautbarung von Bundeskanzlerin Merkel auftaucht, als Ankündigung für ein Gespräch, - von dem man aber bisher nur weiß, dass als solches geführt werden soll -, sondern vielmehr auf einer praktischen Ebene, nämlich durch gemein- sames Handeln und Gestalten seitens der vermeintlichen oder tatsächlichen Konfliktträger, durch ein besseres Verständnis und die Anwendung der eigenen und der anderen Kreativität.
Ein anderer führender deutscher Schriftsteller und Dramatiker, aber des 18. Jahrhunderts, Gotthold Ephraim Lessing, hat den Konflikt der Christen, Juden und Muslime über den einzig wahren Glauben als lösbar beschrieben, und zwar in einem Gleichnis, das als sog. Ring-Parabel seines 1779 verfassten dramatischen Gedichts „Nathan der Weise“ zum künst- lerischen Mittelpunkt der deutschen Aufklärung mit europäischer Tragweite wurde. Die Parabel erzählt von einem Vater, der seinen drei, ihm gleich lieben Söhnen nur einen einzigen Ring hinterlassen kann. In solchem Konflikt beauftragt er einen Künstler, zwei weitere Ringe anzufertigen, die so perfekt gestaltet sind, dass sie vom ersten nicht mehr zu unterscheiden sind, auch vom Ringträger nicht. So wird bei Lessing der Konflikt idealistisch gelöst: durch möglichst vorurteilslose, produktive Auseinandersetzung mit der Tradition, als unendlicher Erziehungs-, Erkenntnis- und Vervollkommungsprozeß des einzelnen Menschen und der gesamten Menschheit. Der die Ringe produzierte, war ein Künstler. Daher erklärt sich der Titel dieser Ausstellung heute „Die Ringe der Künstler“. Die Ausstellung soll Exempel, ja Manifest sein, dem im nächsten Jahr eine weitere Ausstellung am gleichen Ort folgen wird, in der Künstler dann ihre Auseinandersetzung mit dem bzw. mit ihrem Judentum dokumentieren sollen.
Die heutige Ausstellung im Rahmen des Islam-Themenschwerpunktes der Pasinger Fabrik und des Bayerischen Rundfunks führt 4 Positionen aktueller künstlerischer Auseinanderset- zung mit der eigenen muslimischen Herkunft sowie mit der fremden, und doch nicht so fremden Geschichte, Philosophie und Geografie islamischen Hintergrundes vor. Alle vier Positionen beschreiben Paradigmen:
- Die von einer in München seit einigen Jahren lebenden irakische Künstlerin, Iman Mahmud,
- Die von einer seit 16 Jahren in Deutschland, heute in Berlin lebenden türkischen Künstlerin, Nezaket Ekici
- Die eines in der Türkei geborenen, im Iran aufgewachsenen und heute in München lebenden Künstlers, Saam Schlamminger, Sohn einer persischen Mutter und eines deutschen Vaters, des bekannten, lange Zeit in Persien tätigen Bildhauers Prof. Karl Schlamminger
- Die eines oberbayerischen, in München und Schleching lebenden Künstlers, Karl Weibl, dem ein islamisches Land zum Mittelpunkt seines Schaffens wurde.
Um bei Weibl zu bleiben, so lässt sich sagen, dass sein künstlerisches Hauptanliegen, die Sichtbarmachung der Zeit, mit Bildern, Drucken, Installationen und bildhauerischen Arbeiten, vornehmlich Torf als Gedächtnisspeicher und Zeitmaß in vielen Museums- und Galerieaus- stellungen in den letzten Jahren immer wieder vorgeführt wurden. So zeigte er bereits 1994 in Ettlingen seine Sondierungen zum Enki-Tempel und die Ergebnisse seiner Irak-Reise 2003 u.a. im Diözesanmuseum Eichstätt. Diese Jahrzehnte lange intensive Beschäftigung mit der Kulturgeschichte Mesopotamiens als der kulturellen Wiege der Menschheit, insbesondere mit den Städten Ur, Babylon und Urat, aber auch mit Assur, Ninive und Hatra halte ich für unser Thema für wesentlich. Nicht nur, weil dieser Schnittpunkt europäischen und vorderasiatischen
Denkens Weibls künstlerische Identität tangiert, sondern weil diese geometrischen Forschun- gen und philosophischen Überlegungen sein Werk potentiell öffnen für Interventionen anderer, beispielsweise eben auch islamischer „Zeit“-Künstler. Außer dem 10-teiligen Fotozyklus „Vom Ursprung der Zeit“ präsentiert Weibl einen 18-teiligen Foto- und Frottage-Zyklus „Bureau d’Esprit“, ein Kontextspiel mit lexikalischen Stichworten zu Geschichte, Moralrecht, Philosophie als einer Diskursebene zur Anschauungsebene, die ihre Quelle, die Enzyklopädien des 18. Jahrhunderts relativierend aktualisiert. Eine denkbare zukünftige Ausstellung als eine west-östliche Befragung könnte also von seiner Position ausgehen.
Saam Schlamminger wird heute Abend sowohl mit einer auf CD registrierten 12-Minuten Performance präsent sein, die dann als Loop als ein sich ein erweiterndes Work-in-pogress während des gesamten Ausstellungszeitraums läuft, als auch eine Live-Solo-Performance auf einer historischen arabischen Trommel und zeitgenössischer elekronischer Verstärkung als Eröffnungsereignis bieten. Mit dem Licht- und Videokünstler Robert Suppé zusammen hat er ein Projektionsspiel aus arabischen Zahlen, Buchstaben und Geometrien entwickelt, das zu der von ihm als Klangkünstler komponierten Klaninstallation interferiert. Da hören wir das Klingeln eines Flipperautomaten gemischt mit traditionellen arabischen Tonschattierungen.
Im Folder zur Ausstellung ist ein programmatischer Text über Saam Schlammingers künstlerische Position zwischen West und Ost zu finden, zitiert nach einem islamischen Musikwissenschaftler. Seine Musik sei eine Absage an den Dialog, sie sei östlich, indem sie westlich sei. Genau das war auch der Grund ihn hierher einzuladen. Dieser Künstler wehrt sich eben dagegen, orientalische Musikelemente zum Beiwerk zu instrumentalisieren, er macht eben keine Musik „alla turca“.
Schlamminger ist im Übrigen ein gesuchter Bühnen- und Filmkomponist und Performer und hat mit vielen bekannten Theatern wie dem Piccolo Teatro in Mailand und berühmten Regisseurenwie Bob Wilson oder Percy Adlon zusammen gearbeitet. Den Hinweis auf ihn verdanken wir einer großen Kennerin der arabischen Welt und der islamischen Kunst, der Kunsthistorikerin und Kuratorin Karin Adrian von Roques aus Bonn. Sie hatte für die von ihr kuratierte, umfangreiche Ausstellung über zeitgenössische Kunst aus den Golfstaaten im Kunstmuseum Bonn, die gegenwärtig in Paris gezeigt wird, Saam Schlamminger eingeladen und fungiert hier in München als Ko-Kuratorin. Vielen Dank an die Kollegin für ihr kompe- tentes Engagement. Wir hoffen, dass diese Ausstellung hier in Pasing zum Prelude für eine Fortsetzung an einem anderen Ort wird.
Nezeket Ekici hat eigens für diese Ausstellung eine Installation konzipiert. Als sie aber früher als geplant nach Fernost abreisen musste, konnte wir ihren Münchner Kollegen, den Bild- hauer und Installationskünstler Markus Heinsdorff dafür gewinnen, nach ihren Festlegungen ihre Installationen in diesem Raum zu verwirklichen. Vielen Dank an Markus Heinsdorff.
Ohne sein Geschick hätten wir jetzt nicht diese Kapelle in unserer Ausstellung. Wie unschwer zu erkennen ist, überlagern sich in Ekicis Werk arabische Schrift, nämlich Suren aus den Koran, die sowohl innen zu lesen für den, der den Raum betritt, als auch von außen zu entziffern sind für die arabisch Lesenden, mit der christlichen Symbolik des Kreuzes. Das Anliegen der Künstlerin ist offensichtlich: beide Religionen, damit beide Identitäten müssen in einem Körper, hier einem Raumkörper gemeinsam gelebt werden, wobei jede für sich dennoch erkennbar und in sich integer bleibt.
Ekicis andere präsentierten Werke sind Videoarbeiten, die bereits an anderen Orten, in Museen und Kunstvereinen Aufsehen erregten: die Doppelinstallation „Schleier Kampf“ gestaltet den Umgang mit dem Schleier zur Performance, einmal offensiv und einmal defensiv als Schleiertanz durchgespielt. Auch hier sehen wir den, wie ich meine, durchaus gelungenen Versuch, zwei Kulturformen und Kulturspiele miteinander zu verschränken, ja zu versöhnen. Diese Sehnsucht nach einer Korrespondenz der diversen Rituale und damit Identitäten ist auch spürbar in der Videoarbeit „Hullabelly for Turkish Women“. Der frappante Witz ist gewiss nicht despektierlich gemeint. Das wäre sicher ein Missverständnis gegenüber den Intentionen dieser Künstlerin, die Streitlust mit Humor und Leichtigkeit zu verbinden weiß.
Ungeachtet ihrer Jugend hat Nezaket Ekici, die heute wie gesagt nicht in München dabei sein kann, weil sie gerade in Singapur eine Ausstellung aufbaut und per Handy ihre Grüße an die Anwesenden geschickt hat, eine beeindruckende Liste von Studiengängen, Diplomen, Performances, und Ausstellungen vorzuweisen: in München, Berlin, den USA, , Italien, der
Schweiz. Dass sie bei Marina Abramovic, immerhin einer Weltkünstlerin, als Meisterschüle- rin an der Berliner Universität der Bildenden Künste abgeschlossen hat, würde allein schon genügen, um zu untermauern, dass das Klischee vom Gefälle zwischen West und Ost, zwi- schen Abendland und Morgenland in der zeitgenössischen Kunst bald endgültig Geschichte geworden sein wird.
Iman Mahmuds Mauerbilder halten eindrucksvoll Erinnerungen und Erlebnisse, die sich bei ihr mittels der Oberflächen und typischen Strukturen von alten Mauern, etwa in Bagdad, für sie verfestigt haben, zu steinernen Gedächtnissen fest, die sie dann in ihren transparenten Papierarbeiten überträgt. Ihr künstlerisches Verfahren dabei ist jedoch nicht die Abbildung als einer in die Zeichnung umgesetzten Kopie. Sie erfindet in Geiste der geschauten Inschriften von Zahlen und Schriftzeichen eine neue Graphik als Annmutung dieser erinnerten Eindrük-
ke. In ihrer großen Arbeit der sumerischen Wand, die frei im Raum hängt und paradoxerweise in der luftigen Leichtigkeit der Papierschichten als fragmentarische Evokation, als Erinnerungszitat gelten kann, entsteht so ein verwehter Ort, über den sich reden lässt, der sich herbeirufen lässt. Die Poesie der Skulptur besteht nun gerade in dem Materialwechsel, der zur glaubhaften künstlerischen Aussage wird, obwohl das Dokumentarische als solches der Künstlerin nicht wichtig ist – ganz anders als bei Karl Weibl.
Das Medium Papier begleitet Imans Mahmuds künstlerischen Werdegang als ihr künstleri- sches Profil seit sie ihren Abschluss 1980 am Institut für Kunst und Graphik in Bagdad machte und dann noch die Kunstakademie dort absolvierte. In über 20 Jahren stellte sie in ganz Europa aus, in Ungarn, Frankreich, Zypern, Italien, England, den USA und immer wieder in München und Umgebung. Auch ihr Werk und ihre Person sind uns wichtig als Ausgangspunkte für weitere transkulturelle Überlegungen einer Zusammenarbeit von „westlichen“ mit Künstlern islamischen Hintergrunds. Denn einerseits praktiziert Iman Mahmud solche Ansätze sowie schon in ihrer künstlerischen Praxis, und andererseits schafft sie es wie kaum ein anderer Künstler aus der islamischen Welt schafft in ihren Papierarbeiten eine starke Authentizität zu vermitteln, ohne dass die Exponate selber historisch zu sein haben und als künstlerisch hergestellte Konstrukte ihr Simulacrum, man könnte eben auch sagen ihre Poesie bewahren und somit kein „Talmi“, keine billige Abbildung werden wie es so oft in der
zeitgenössischen Kunst von heute geschieht.
Für Iman Mahmud gilt, was wir uns auch für Nezaket Ekici, für Saam Schlamminger und
für Karl Weibl wünschen: bei den erfreulicherweise heftig vermehrten Gelegenheiten und Foren für die Auseinandersetzung mit den kulturellen Identitäten und Religionen, wie sie beispielsweise gerade in Innsbruck und Hall von 1.April bis 16.April als Osterfestival mit dem Titel „Verlorene Paradiese. Magie des Orients“ oder mit den Ausstellungen im British Museum geschehen Fortführungen ihrer markanten Positionen präsentiert zu sehen. Gern würden wir diesen nicht vor allem in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft blickenden Künstlern fern jeder mythisierenden Nostalgie oder aber unversöhnlicher Polemik wieder begegnen und uns von der Offenheit ihrer Werke anregen lassen zu konkretem Handeln.
Dr. Elmar Zorn